Text von Dr. Roman Höllbacher zur Eröffnung von Parallel im Juli 2016
Natur – Sehnsucht des Städters
Überlegung zur Arbeit „Parallel“ von Gertrud Fischbacher im Gemeinnützigen Wohnbau Ignaz-Harrer-Straße
Gertrud Fischbacher hat den Ort für ihre jüngste Arbeit lange und intensiv erkundet und sie hat das vom Gebäude an der gegenüberliegenden Straßenseite aus getan. Für Salzburger wie mich heißt das Gebäude noch heute nach jenem Betrieb,
der sich hier früher befand, der „Fallnhauser“. Der Fallnhauser war eine typische Autowerkstätte, wie sie überall entlang der in den 1950-Jahren noch vergleichsweise ruhigen und vom Verkehr noch keineswegs überrollten Ausfallsstraßen entstanden. KFZ-Werkstätten, Tankstellen und Autohäuser entwickelten sich teils aus älteren Unternehmen wie Wagner, Fuhrunternehmungen und ähnlichem. In Salzburg waren das Ford Schmidt an der Neutorstraße, heute noch in der Alpenstraße präsent, die Porsche KG, ganz ursprünglich ebenfalls an der Alpenstraße, übersiedelt in den 1950er-Jahren in die Fanny-von Lehnertraße. Der größte österreichische Arbeitgeber sitzt heute an der Vogelweiderstraße; weitere Unternehmen in der Autostadt Salzburg sind die ÖFAG an der Innsbrucker Bundesstraße und Mercedes, das in der nahe gelegenen Siebenstätter Straße seinen Ursprung hatte, und heute ebenfalls an der Innsbrucker Bundesstraße seien Sitz hat. Einige dieser kombinierten Vertriebs- und Werkstättenbetriebe haben überlebt und sind seither zu Großkonzernen angewachsen, andere, kleinere sind verschwunden.
Der Fallnhauser war einer jener Betriebe, die diesen Strukturwandel nicht überlebten und die Liegenschaft wurde Anfang der 2000er-Jahre, nachdem sie über viele Jahre hinweg einen Leerstand darstellte, mit einem gemischten Gewerbe- und Wohnobjekt – übrigens ausschließlich geförderter Wohnbau –neu bebaut.
Sie werden sich vielleicht allmählich fragen, warum erzähl ich Ihnen das alles? Es geht doch heute um ein Kunstwerk von Getrud Fischbacher, zu dem ich Ihnen etwas Erhellendes erzählen soll, aber doch nicht über die ungewöhnliche Häufung von Autohändlern – und –importeuren in Salzburg.
Nun, ich möchte, dass sie etwas von dem Ort erfahren und den Standpunkt einnehmen, von dem aus Gertrud Fischbacher das Entstehen jenes Wohnhauses beobachtete, in dem wir uns heute befinden und für das sie ihre jüngste Arbeit mit dem Titel „Parallel“ geschaffen hat. In diesem sogenannten „Fallhauser“ befindet sich heute die Galerie Eboran, in der sie nicht nur regelmäßig zu Gast ist, sondern in der sie 2016 ihrer Arbeit „Parallex“ präsentierte, eine Arbeit, die einen sehr starken Bezug, zu dieser nun fertiggestellten Installation aufweist.
Die Galerie Eboran ist seit vielen Jahrzehnten die wichtigste Anlaufstelle für junge Künstlerinnen und Künstler in Salzburg. Sie befand sich ganz am Anfang auf der anderen Seite der Lehener Brücke, dort wo die Ignaz-Harrer-Straße noch St.-Julien-Straße heißt und übersiedelt dann, das war so um das Jahr 2002 herum würde ich schätzen, in jenes Wohnhaus, das für diesen Neubau, in dem wir uns heute befinden, abgebrochen werden musste. Die Galerie „besetzte“ die aufgelassene Lehener Polizeiwache, die sich vorher hier befunden hatte und übersiedelte, wohl bereits aufgrund der absehbaren Räumung des Hauses, 2012 in den gegenüberliegenden Neubau und hat seither im 2. Stock des Fallnhauser ihr neues Domizil gefunden hat.
So schließt sich also der Kreis, der Auszug der Galerie Eboran wirkt nun auf jenen Ort zurück, wo sie früher beheimatet war. Von dort hat die Künstlerin die langen bandartigen Fenster mit der dahinter liegenden Laubengangerschließung beobachtet und für sich den Schluss gezogen, dass etwas fehlt.
Ich unterstelle, dass sie in diesem ersten Reflex weniger ihre eigene künstlerische Geste sah, die dem Neubau fehlt, sondern den Umstand, dass die Kunst an sich fehlt, die sich mehr als zehn Jahre lang in Gestalt der Galerie Eboran dort eingenistet hatte.
Wäre ich Arzt, würde ich eine Art Phantomschmerz diagnostizieren, den man verspüren kann, wenn man bei einem Unfall etwa ein Bein verliert und dieses noch über einen längeren Zeitraum hinweg nachspürt, ihm sogar einen Schmerz zukommen lässt, den man rein objektiv nicht spüren kann, weil man diese Extremität ja gar nicht mehr besitzt.
Ich glaube also, dass am Ursprung von Gertrud Fischbachers Arbeit eine Art Trauer steht, eine, die wir verspüren, wenn wir etwas Selbstverständliches, etwas, das wir lieb gewonnen haben, verlieren und dieses durch einen körperlichen Schmerz kompensieren möchten.
Was wir uns, und ich meine jetzt insbesondere jene, die vom Bauen und von der Architektur her kommen, stets vor Augen führen sollten, ist der Umstand, dass egal wie unwesentlich die Verluste sind, wenn ein Bestandsbau abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt wird, dass immer etwas vernichtet wird und zwar ganz unabhängig von der neuen Qualität, die mal in größerem mal in geringem Ausmaß neu geschaffen wird. Wir zerstören stets etwas von der Geschichte, manchmal auch nur jener beiläufigen, kleinen Geschichten wie jene vom alten Fallnhauser, der eine Institution war oder jene von der Galerie Eboran, jener Ort künstlerischer Verunsicherung, die sich ausgerechnet in den aufgelassener Räumen der staatlichen Sicherheitsorgane angesiedelt hatte.
Doch es gibt natürlich noch einen weiteren Impetus, der sich auf einer nächsten Ebene abspielt, in der Gertrud Fischbacher, ihrer Suche und ihren Ausdruck über diesen Verlust eine neue konkret künstlerische Gestaltung verleiht.
Die Tatsache eines Mangels, den Gertrud Fischbacher mir gegenüber in unseren Gesprächen über die hier entstandene Arbeit ausgedrückt hat, meint zuerst nicht die Architektur. Den Umstand, dass diese so ausschaut, wie sie es tut, hat sie im Grunde nach nicht in Frage gestellt. Der Mangel von dem sie gesprochen hat bezieht sich auf etwas anderes.
Gertrud Fischbacher beschreibt die Intention ihrer Arbeit als Konstruktion einer „Umwelt“, die sich durch ändernde Umwelteinflüsse, wie Tageszeiten oder sich ändernde Wettersituationen, in den Raum differenzierende, atmosphärischen Situationen äußert. Es geht ihr um ein Stück „Natur“ für die Bewohner und auch für Passanten, seien es nun Fußgänger, Rad- oder auch Autofahrer. Dabei ist offensichtlich, daß sie bei diesem Stück „Natur“ nicht an Natur in Form von wachsenden Wäldern oder blühenden Wiesen denkt. Mit welcher Natur von Natur haben wir es also hier zu tun?
Gertrud Fischbacher hat Folien mit zarten, durchscheinenden Motiven vielleicht von Bäumen und Landschaften bedruckt. Diese transluzenten Motive, weiße wolkige Muster sind mehr eine ferne Erinnerung, ephemeres Bild jenes Naturraums, in dem Fischbacher die Fotos einst aufgenommen hat. Sie hat die Bilder fototechnisch so bearbeitet, dass nur die Allusion an die Natur zurückbleibt, keine Farbe, nicht einmal wirklich konkrete Formen. Sie verzichtet auf die Illusion, das überwältigende Abbild der Natur, auf jede Art monumentaler Fotoästhetik, wie sie einen Andreas Gursky heute so populär macht, aber sie enthält sich auch der Möglichkeiten des effektvollen Kontrasts von Schwarz und Weiß, wie sie ein Ansel Adams in seinen Landschaftsbildern zelebrierte. Fischbacher will mit ihren Bildern von Natur nicht beeindrucken. Sie zeigt uns die Natur aber auch nicht als eine von der Hand des Menschen verletzte Landschaft. Ihre Bilder, die sie - ich würde sagen der Natur entnimmt –, sind weder hyperästhetische Glanzstücke noch moralisierende Appelle, die vor dem zerstörischen Tun des Menschen warnen. Ihre Bilder von Natur wollen uns nicht täuschen, sie geben nicht vor, daß die Natur so oder anders sei, weder überwältigend oder noch bedroht, auch wenn sie beides sein mag.
Nur so, das schlägt sie uns gleichsam vor, können wir uns ein Bild der Natur machen, das nicht mit der Natur selbst verwechselt werden kann und das uns nicht in die Falle des banalen Naturalismus tappen lässt.
Diese Naturstücke nun, die Fischbacher an die Gläser dieser Erschließungszone projiziert hat, treten selbst wiederum nicht als Kunstwerk in Erscheinung, auch hier entzieht sie sich dem banalen Mechanismus, jener Artistik, die sich selbst genügen möchte, die übersieht, dass erst im und durch den Rezipienten das Werk entsteht. Fischbacher weist uns auf diesen Umstand hin, indem sie die Tages-Zeit-Verfassung des Umraums, die Wirkung des natürlichen und auch des künstlichen Lichts und die Rolle des Rezipienten in diese Arbeit untrennbar einschreibt.
„Parallel“ so betitelt die Künstlerin ihre Arbeit, weil sie, so der naheliegende Schluss, parallel zu den Verkehrsströmen auf der Ignaz-Harrer-Straße verläuft, aber „Parallel“ heißt vielleicht auch etwas anderes. Parallel zu den Phänomenen der Umwelt verändert das Werk seine Erscheinung, nicht aber seinen Charakter, der vielmehr erst auf die Art und Weise wie sie auf den bewegten Betrachter wirkt, hervortritt.
Die Arbeit ist nicht nur aufgrund der wechselnden Licht- und Wettersituationen, einem steten Wandel unterzogen, sondern die Wahrnehmung des Werks ist auch auf die jeweilige Bewegung des Betrachters gemünzt, sei es im Innehalten oder der Passage, dem Vorbeigehen oder Vorbeifahren auf der Ignaz-Harrer-Straße. In diesem Sinn hat die Arbeit also nicht nur ein Standbein in der zweiten Natur, wie ich es oben beschrieben habe, sondern auch in der kinetischen oder kybernetischen Kunst, die sich sowohl als bewegtes Kunstwerk darstellen kann, wie wir es von Alexander Calder oder Jean Tinguely kennen, oder eben – wie das Fischbacher hier tut –als eine, die die Bewegung des Betrachters auf kalkulierte Weise in das Werk miteinbezieht.
„Natur ist Licht, Zeit, Raum, Struktur und die Auseinandersetzung mit Realität bzw. dem äußeren (An-) Schein der Dinge.“ Mit diesen Worten, ich habe sie fast wörtlich zitiert, signalisiert Gertrud Fischbacher, dass sie ihre Arbeiten über die Natur, nicht im Sinne jener Natur verstanden haben will, die wir erleben, wenn wir uns in einen Wald begeben, sondern es ist die Natur, wie sie sich seit jeher in der Kunst als eine Vermittlung des Natürlichen durch die Medien, durch die Mittel der Kunst darstellt. Natur, das sagt sie damit, ist gar nicht außerhalb der medialen Vermittlung erfahrbar, sondern nur in ihrer Künstlichkeit, als Bildnis der Kunst. Selbst unsere Ergriffenheit vor dem Erhabenen einer anscheinend unberührten Natur in der Welt jenseits der Baumgrenze, wie sie uns als Bild vom einsamen Wanderer, aus den Gemälden von Caspar David Friedrich entgegentritt, ist genau durch derartiger Bilder künstlerisch determiniert, also kulturell vermittelt. Die Natur ist für uns ein Ideal, eines, das wie das Paradies uns verwehrt ist, jemals zu betreten.
Was bedeutet das für die Natur der Stadt, oder ich mache es einfacher für die Natur in der Stadt, das wäre die Frage, die es zu diskutieren gilt. Heute wünschen sich viele Menschen, dass die Natur in der Stadt wieder mehr Raum erhält. Kein Trend-Journal, in dem nicht Urban Gardening propagiert wird, die Entsiegelung von asphaltierten Parkplätzen ist in der ökologischen Stadtplanung ein ebenso großes Thema wie Grüne Fassaden und vertikale Gärten in der Architektur. Der Bosco verticale von Stefano Boeri, zwei Hochhäuser in Mailand, mit fast 800 über die Fassade verteilten Bäumen ist ein, im wahrsten Sinne des Wortes wachsendes Thema. Edouard Francois hat mit seinem „Flower Tower“ in Paris schon vor Jahren enormes Aufsehen erregt.
In Japan ist es Shooting-Star Sou Fujimoto, der mit seinen Entwürfen für begrünte Häuser Furore macht, und in einem der am dichtesten verbauten Stadteile Tokyos (Tokyo Eki) grüßt das Pasona-Gebäude mit einer grün wuchernden Fassade und in seinem Inneren empfängt es den Besucher mit einem Reisfeld, in den Obergeschossen des Bürohauses ranken Tomaten. Man könne angeblich – ich war natürlich noch nie dort – die Mitarbeiter des Personalberatungs-Unternehmens dabei beobachten, wie sie mehrmals im Jahr Reis ernten und dreschen. i
Die Natur ist und bleibt die Sehnsucht des Städters, und sie ist im Angesicht der urbanen Verdichtung und des Klimawandels, in dem die Sommer, wie jeder leicht nachvollziehen kann immer heißer werden, nicht mehr aus der Diskussion zu verdrängen. Die Intensität dieser Diskussion wird mit jedem neuen Hitzerekord zunehmen.
Liegt also in Grünen Häusern und Dachgärten wirklich die Zukunft oder basteln wir gerade am nächsten „Grünen Flop“, wie der bekannte Schweizer Architekt Peter Märkli jüngst zu Protokoll gab, er meinte: „Das Begrünen allein ist einfach so ein modischer Schwachsinn, wie es ihn oft gibt.“ ii
Diese Frage werden wir hier und heute nicht beantworten können, doch die Arbeit von Gertrud Fischbacher macht uns klar, dass wir es uns nicht zu leicht machen dürfen. Nur etwas Grün in die Stadt zu tragen oder auf den Fassaden zu verteilen schafft noch keine Nachhaltigkeit, ein Begriff der im Übrigen, aus der Waldwirtschaft stammt und der darauf abzielt, der Natur nicht mehr zu entnehmen, als sie in der Lage ist wieder zu reproduzieren.
Gudrun Fischbacher spricht diese Fragen implizit an. Sie gibt aber keine endgültigen Antworten, ihre Arbeit entwickelt sich vielmehr parallel zu vermeintlich einfachen Lösungen. Sie hat mit ihrer Arbeit „Parallel“ vielmehr eine Brücke gebaut zwischen jener Natur, in Form der realen Zierkirschen an der Ignaz-Harrer-Straße und der Architektur, indem sie dem Filter der ersten Natur, also der entlang der Straße gepflanzten Baumreihe, einen solche der zweiten Natur hinzugefügt hat.
Ich glaube, dass sie damit genau jenen Mangel, von dem sie spricht, aufgespürt hat. Es geht ihr um eine künstlerische Bezeichnung für diesen Übergang, an der der öffentliche Raum der Straße und der halböffentliche des Wohnhauses nur durch ein dünnes Glas voneinander geschieden sind. Das Bild der auf helle Strukturen und Muster reduzierten Natur erzeugt einen Filter, der in beide Richtungen eine optische Durchlässigkeit erlaubt und gleichzeitig einen Raum abschirmt ihn schützt und das kann nur durch einen Akt der Kunst geschehen, alles andere wäre peinlich, bestenfalls ein wenig Design oder technischer Aufputz in Form von Sichtschutzlamellen vor den Fenstern.
Das hat Getrud Fischbacher erkannt, zu dieser hohen Sensibilität möchte ich ihr gratulieren. Ich danke ihr dafür und auch all jenen, die an der Entstehung dieses Kunstwerks beteiligt waren und es finanziell und organisatorisch unterstützt haben. Gertrud Fischbacher hat mit großer Nachdrücklichkeit, ungefragt und aus eigenem Antrieb heraus gehandelt. Ohne diese Intervention wäre der Ort, an dem wir uns heute befinden ärmer. Diese Bereicherung, die der Ort durch diesen Beitrag erfährt, sollte uns dazu ermutigen, dass Künstlerinnen und Künstler wieder verstärkt im geförderten Wohnbau einbezogen und um ihre Interventionen gefragt werden.
Danke für ihre Aufmerksamkeit!
i Das Pasona-Gebäude stammt vom japanischstämmigen Architekten Yoshimi Kono aus New York. Vgl.: Ulf Meier, Vom Pult zur Ernte in einer Minute. Architekten entdecken das Grün in den Gebäuden – doch wie sinnvoll sind Reisfelder in Bürohäusern? in: NZZ, 30. Juni 2017, S 21.
ii Interview im Architektur- und Bauforum, 06/2017, S. 4.